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Notizen zu Vorfahren der Ahnenliste der Geschwister Beyer


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Beiträge zur Geschichte der Familie Beyer

zusammengestellt von Dietmar Beyer

- Teil 3 -

Notizen

zu Vorfahren der

Ahnenliste der Geschwister Beyer

Vorbemerkung

Die Notizen sind im Laufe vieler Jahre nach und nach entstanden und haben sehr unterschiedliche Qualität. Dies reicht von umfangreichen Zusammenfassungen der gerade bei den jüngeren Generationen oft vorhandenen Erinnerungen über die wörtliche Wiedergabe selbst erstellter Lebensläufe bis zu stichpunktartigen Notizen oder Hinweisen auf abweichende Darstellungen in anderen Quellen.


Ich habe die Notizen in einem separaten Teil zusammengefasst, damit diese Angaben – ohne doppelt gedruckt zu werden – sowohl in Verbindung mit der numerischen Ahnenliste (Teil 1 der Beiträge zur Geschichte der Familie Beyer) als auch der alphabetischen Ahnenliste (Teil 2 der Beiträge) genutzt werden können. Für die Verwendung der Notizen empfielt es sich, diesen Teil parallel zu einer der beiden Ahnenlisten zu verwenden. Beide Listen enthalten die gleichen Vorfahren; in beiden Listen sind die Ahnennummern jener Vorfahren unterstrichen, zu denen in diesem Teil ergänzende Hinweise zu finden sind.
Zur leichteren Orientierung über Personen und Generationen ist am Ende dieses Teils ein Inhaltsverzeichnis eingefügt.
In verschiedenen Beiträgen wird auf abweichende Darstellungen in anderen Quellen hingewiesen; näheres zu diesen Quellen ist dem Quellenverzeichnis (geplant im Teil 6 der Beiträge) zu entnehmen.

Großeltern

4 Willi Beyer


Willi Beyer besuchte je vier Jahre die Volksschule in Burgschwalbach, einer der vier Gemeinden zu der sein Heimatort Zollhaus gehörte, und eine Realschule in Wiesbaden. In Wiesbaden wohnte er bei einer Tante, wohl einer Nichte seiner Großmutter Beyer, geb. l´Allemand, die ihn mit einer von daheim ungewohnten Wärme umsorgte. Hier wurde er auch 1897 an der Ringkirche konfirmiert. Anschließend ging er von 1898 bis 1901 in die kaufmännische Lehre in Limburg bei Peter Josef Hammerschlag II., dem Bruder seiner Mutter. Von seinem Onkel streng herangenommen, sprach er zeitlebens von einer harten Lehrzeit, die aber durch die mütterliche Herzlichkeit der Ehefrau des Prinzipals, seine Tante Margarethe, geb. Heinrichs, gemildert wurde. 1902 - 1904 leistete Willi Beyer als Musketier im 1. Kurhessischen Infanterie-Regiment Nr. 81 in Frankfurt/M. seine Wehrdienst ab, im 2. Jahr als Ordonanz im Offizierkasino. Trotz zunächst strammer Ausbildung behielt er die Wehrdienstjahre insgesamt als eine unbeschwerte Zeit in Erinnerung. 1905 - 1910 wurde er, gemeinsam mit seinem älteren Bruder Albert, vom Vater in Geschäftsführung und Betriebsleitung eingewiesen. Ab der Erkrankung des Vaters (1910) übernahmen beide die Verantwortung für die Fabrik in einer durch unterschiedliche Begabungen vorgegebenen Arbeitsteilung: Willi die Betriebsleitung und Personalführung, Albert Ein- und Verkauf sowie Vertretung im Fachverband. In den Jahren bis 1910 nahm Willi am geselligen Leben des Vaters teil; seine lebenslange Hochschätzung verwandtschaftlicher Beziehungen im weitesten Sinne wie auch die aktive Mitarbeit in örtlichen Vereinen haben nicht zuletzt hier ihre Wurzeln. Dem Turnverein Hahnstätten gehörte er seit 1900 an, der Freiwilligen Feuerwehr Zollhaus seit 1905. Ab 1911 wurde er in Nachfolge des Vaters Kommandant der Feuerwehr. 1906 war er Mitbegründer der Sanitätskolonne des Roten Kreuzes in Oberweisen.
Sofort nach Kriegsbeginn im August 1914 wurde Willi Beyer eingezogen. Da seine rechte Hand infolge eines Betriebsunfalls bleibend beschädigt war, galt er als nicht mehr infanterietauglich und kam zunächst zur Arbeitskompanie 96, die beim Ausbau der Festung Mainz eingesetzt wurde. Ab Januar 1915 gehörte er zur Großherzoglich Hessischen Landwehr-Sanitätskompanie Nr. 29, ab Februar 1917 zur Großherzoglich Hessischen Sanitätskompanie Nr. 567 (offenbar lediglich eine Umbenennung). Die Sanitätskompanie betrieb den Hauptverbandsplatz der 9. Landwehr-Division (18. Res. A. K.) und transportierte mit pferdebespannten Krankenwagen Verwundete von den frontnahen Truppenverbandsplätzen der Regimenter nach hinten, meist bei Nacht, oft unter Artilleriefeuer und immer auf zerschossenen Straßen; Willi Beyer wurde vorwiegend hierbei eingesetzt. Seine Kompanie war 1915/16 überwiegend in den Argonnen westlich der Maas, ab Frühjahr 1917 an der Nordfront von Verdun (ostwärts der Maas) und März/April 1918 im Rahmen der Frühjahrsoffensive in Nordfrankreich (Stoßrichtung Amiens) eingesetzt. Noch inmitten der Schlacht führten die offenbar seit längerem laufenden Bemühungen von Mutter und Bruder Albert, Willi in die in die Kriegswirtschaft eingespannte Fabrik zurückzuholen, zwar nicht zur Entlassung, doch am 7.4.1918 zur Versetzung zur Flugwache Heisterbach (bei Diez) in unmittelbarer Heimatnähe. Am 2.12.1918 wurde Willi im Zuge der Demobilmachung aus dem Heeresdienst entlassen und übernahm wieder seinen Part im mittelständischen Familienbetrieb.
Das Kriegserlebnis hat Willi Beyer - bei Kriegsende 35 Jahre alt - stark geprägt. Pflichtgefühl, Disziplin, tätiger Gemeinsinn - schon in der Jugend anerzogen, aber vor allem auch in seinem Charakter angelegt - erhielten im Krieg eine vom Soldatischen bestimmte Ausprägung, die sich bis ins Alter nicht verlor. Dabei betrachtete er das blutige Geschehen um ihn herum durchaus kritisch. In den zwar durchweg nüchternen, aufs Praktische ausgerichteten Texten seiner Feldpostkarten gibt es wiederholt Hinweise auf die Schrecken des Krieges, die wachsenden Kriegerfriedhöfe und eine starke Friedenssehnsucht. Obwohl er in den zwanziger Jahren dem deutsch-national orientierten "Stahlhelm - Bund deutscher Frontsoldaten" beitrat und bis zur Auflösung durch Hitler angehörte, war ihm - wie den meisten Frontsoldaten - jede Kriegsverherrlichung fremd. Wenn er - selten genug - vom Krieg sprach, dann von seiner Härte und dem schrecklichen Blutzoll der Materialschlachten, aber auch von guter Kriegskameradschaft. Den alten Generalfeldmarschall v. Hindenburg hat er zeitlebens verehrt, den Kronprinzen, zu dessen Armee die 9. Landwehr-Division gehörte, als einen um seine Truppe besorgten Führer geachtet; vom Kaiser war keine Rede.
An dem nach den Kriegsentbehrungen trotz aller Not aufblühenden Vereinsleben in Zollhaus und Hahnstätten nahm Willi teils mitgestaltend, teils fördernd lebhaften Anteil, auch gehörte er einige Jahre hindurch dem Gemeinderat Hahnstätten an. Bald nach Kriegsende übernahm er wieder die Führung der Freiwilligen Feuerwehr Zollhaus, die unter ihm weit über drei Jahrzehnte hinweg zu den schlagkräftigsten Wehren an der Aar zählte und als "soziale Kitt" die auf vier Gemeinden aufgeteilten Zollhäuser Einwohner zusammenhielt. Von 1930 bis 1955 konzentrierte sich sein ehrenamtliches Wirken zunehmend auf die Feuerwehr, im Krieg musste er als "Unterkreisführer" für das Aargebiet und Teile des Einrichs erweiterte Verantwortung übernehmen. Der schwierige Wiederaufbau nach dem Krieg gelang infolge seines Engagements erstaunlich schnell; Ende 1955 konnte er die Führung einer intakten Wehr (von rund 40 Mann bei etwa 220 Einwohnern) in jüngere Hände legen. Er wurde in Anerkennung seines "Lebenswerks" zum Ehren-Wehrführer ernannt.
Der von ihm mitgegründeten nunmehrigen DRK-Bereitschaft "Untere Aar" hielt er, schon aufgrund seiner Kriegsverwendung, lebenslang die Treue; in seiner Wohnung befand sich die Unfallhilfsstelle für Zollhaus. Im Alter wurde er mit der Ernennung zum Ehrenbereitschaftsführer geehrt.
Obwohl mehr den patriotischen Zielen der Turnerei als dem Sport selbst zugeneigt, war Willi Beyer von 1921 bis 1932 Vorsitzender des regional bedeutenden Turnverein Hahnstätten, später war er dessen Ehrenmitglied. Im Turnverein lernte er Marie Schneider kennen, die seit 1917 Volksschullehrerin in Hahnstätten war und im Verein die Mädchenarbeit leitete. Er heiratete sie am 10.9.1924 in Hahnstätten, am folgenden Tag wurde das Paar in Limburg durch Hahnstättener Pfarrer getraut. Neben der Nähe zur dortigen Verwandtschaft dürfte dieser Wechsel nach Limburg auch dem Umstand geschuldet sein, dass man so das angesichts der vielfältigen Vereinsaktivitäten und der Lehrertätigkeit Maries sonst unvermeidbare große und teure Dorffest vermeiden wollte. Nach der Eheschließung schied sie aus dem Schuldienst aus und wurde Hausfrau in Zollhaus.
Bis 1918 gingen die Geschäfte der Firma Hammerschlag & Beyer gut, so dass 1919 die Liquidität dazu genutzt werden konnte, durch Kauf des angrenzenden ausgedehnten Hammerhofes das Fabrikgelände erheblich zu erweitern. Bruder Albert ließ dort anstelle des aus dem 17. Jahrhundert stammenden und 1916 stillgelegten Eisenhammers (also Schmiedewerkes) eine Turbinenanlage und eine Fischzuchtanstalt errichten. Erwies sich auch die Fischzuchtanlage als Fehlinvestition, da ein befriedigender Absatz nach Wiesbaden und Bad Schwalbach nicht zu erreichen war, so retteten die Investitionen in das Hammergelände aufs Ganze gesehen doch wesentliche Teile des liquiden Firmenvermögens vor der nachfolgenden Inflation. In den Jahren der Inflation wurde die Situation der Firma zunehmend schwieriger: Die ungünstige Wirtschaftslage nach dem verlorenen Krieg, nachlassender Bedarf an Erdfarben, u. a. infolge der Konkurrenz durch chemische Farben, und nicht zuletzt die mangelnde Befähigung beider Brüder zur Firmenleitung in stürmischer Zeit kamen zusammen. Einen Ausweg schien der Verkauf an die weit größere Farbenfabrik Heyl & Behringer zum 1.9.1928 zu bieten, die den Firmennamen Hammerschlag & Beyer für das Werk Zollhaus offenbar mit übernahm und die bisherigen Eigentümer weiterbeschäftigte, Willi Beyer anscheinend in seiner alten Funktion in Zollhaus, Bruder Albert im Außendienst der neuen Firma. Für die Mutter Caroline Beyer, geb. Hammerschlag, wurde ein mietfreies Wohnrecht in ihrer Wohnung im Hammerhaus vereinbart. Aus dem Firmenverkauf erhielt Willi Beyer einen Anteil von 42.000 RM; er konnte einstweilen weiterhin im angestammten Wohnhaus der Fabrik wohnen. Doch der Weltwirtschaftskrise (Oktober 1929 - 1930) war auch Heyl & Behringer nicht gewachsen. Die Firma wechselte 1930 in den Besitz des Großkonzerns Kali-Chemie AG (Sitz in Sehnde bei Hannover), der Zollhaus unter eigenem Namen und Direktor weiterbetrieb. Bruder Albert schied aus, Willi, der sich nicht von Zollhaus trennen wollte, wurde von der Kali-Chemie als Angestellter in bescheidener Position (Leiter eines kleinen Labors) übernommen, musste aber baldmöglichst das Wohnhaus räumen. Um die Jahreswende erfolgte der Umzug in die Postmeisterwohnung des kurz zuvor aufgelösten Postamtes Zollhaus in der Aarstr. 66.
Mit Besitzerwechsel und neuem Betriebsdirektor Dr. Bremer, einem Chemiker mit ziemlich zersäbelten, grimmig wirkendem Gesicht, wechselte auch der Führungsstil vom Patriarchalischen zum Autoritären. War Willi Beyer auf persönliche Motivation und eine gleichermaßen "auskömmliche Nahrung" für Besitzer und Belegschaft bedacht gewesen, so regierte nun zunehmend Befehl und Gehorsam mit dem Ziel einer möglichst ständigen Produktionssteigerung bei gleichbleibendem, im Kriege sogar abnehmendem Personalbestand. Dies führte zu Reibungen und gelegentlich auch zu ernsthaften Zusammenstößen zwischen Dr. Bremer und Willi Beyer, der sich für "seine Leute" unterschwellig weiter verantwortlich fühlte und sich bei Überforderungen oder groben Ungerechtigkeiten für sie wie dann auch für die im Werk eingesetzten französischen, später russischen Kriegsgefangenen einsetzte. Dabei überschritt er nicht nur seine Kompetenz, sondern vergriff sich im Zorn manchmal auch im Ton. Arbeitsrechtliche Konsequenzen blieben jedoch aus, vermutlich aus Eigeninteresse Dr. Bremers: Eine fristlose Entlassung hätte den Direktor die letzten Sympathien im Betrieb gekostet, ihn in Zollhaus völlig isoliert und möglicherweise um die - vergeblich - erhoffte Aufstiegschance im Konzern gebracht.
Seinem Wesen nach konservativ und ebenso national wie sozial gestimmt, sah Willi Beyer - wie die meisten Deutschen - in der Machtübernahme Hitlers eine Chance, nach Jahren der Straßenschlachten, Massenarbeitslosigkeit, elenden Parteiengezänks und rasch wechselnden Regierungen zu Ordnung, Stabilität, nationalem Konsens und wirtschaftlicher Gesundung zurückzukehren. Dass Hitler vom verehrten Hindenburg feierlich eingeführt und von der Reichswehr akzeptiert wurde und dass die Deutsch-Nationalen zunächst mit in der Regierung saßen, spielte eine wichtige Rolle. Hitlers durchschlagender Erfolg bei der Herstellung von Ruhe und Ordnung, beim Abstreifen der Fesseln des Versailler Vertrags, vor allem aber beim Abbau der Arbeitslosigkeit schienen die Richtigkeit des neuen Kurses ebenso zu bestätigen wie die weitgehend verständnisvolle Resonanz im westlichen Ausland. Erste Irritationen brachten die ihm unverständliche Auflösung des "Stahlhelm", die Förderung der "Deutschen Christen" unter Reichsbischof Müller und die über eine auch von Willi Beyer begrüßte "Zurückdrängung jüdischen Einflusses" weit hinausgehenden Nürnberger Gesetze, deren Einzelheiten und verheerende Konsequenzen ihm aber nicht bewusst waren. Den Terror der "Reichskristallnacht" verurteilte er auch außerhalb der Familie. Die nach der aus vollem Herzen bejahten Angliederung Österreichs riskanter werdende Außenpolitik betrachtete er aus der Erfahrung von 1914 heraus - wie fast alle im Kaiserreich Aufgewachsenen - mit Sorge. Dass Hitler als Frontsoldat des Weltkriegs vorsätzlich auf Kriegskurs gehen könnte, war für ihn wie für die Mehrheit des Volkes ganz unvorstellbar.
Der Kriegsausbruch, vor allem aber er Beginn des Russlandfeldzuges und der zunehmende Bombenkrieg gegen die deutschen Städte bedrückten ihn; von den Blitzkriegen - über die er sich mit Blick auf die niedrigen Verluste freute - ließ er sich nicht täuschen, da der Hauptgegner England, mit den USA im Rücken, unbesiegt blieb. Diese Sorgen lähmten ihn aber nicht, sondern waren eher Ansporn auf seinem Posten, zumal im Brandschutz, noch mehr zu leisten. Dies mag der Grund gewesen sein, dass er sich - obwohl nie Nationalsozialist - noch im Sommer 1943 bei einem Hausbesuch des Ortsgruppenleiters durch dessen geschickten Appell an Patriotismus und Vorbildfunktion aller Verantwortung tragenden "Volksgenossen" zum hellen Entsetzen seiner Frau breitschlagen ließ, der Partei beizutreten. Dies brachte ihm 1945, auf Befehl der französischen Besatzungsmacht, einige Samstagnachmittage "Aufbauarbeit" in honoriger Gesellschaft und später im Entnazifizierungsverfahren die Einstufung als "Mitläufer" unter Zahlung einer Geldbuße ein.
Beim Vormarsch der Amerikaner über den Rhein wurde die Fabrik im Februar 1945 geschlossen. Erst im April 1947 öffnete sie, nach längerer Ungewissheit, unter neuer Leitung wieder die Tore, und auch Willi Beyer nahm seinen alten Arbeitsplatz wieder ein. Ein gutes Jahr später, am 30.04.1948, ging er mit fast 66 Jahren in den Ruhestand; die Arbeit war ihm zuletzt nicht mehr ganz leicht gefallen. Seine Angestelltenrente fiel angesichts der relativ kurzen Mitgliedschaft in der Versicherung (seit 1928) und des bescheidenen Verdienstes mit 187,20 DM sehr niedrig aus; zusammen mit einer freiwilligen Firmenunterstützung in Höhe von 140,- DM stand der dreiköpfigen Familie ein Monatseinkommen von 327,20 zur Verfügung. Bis zu seinem Tod erhöhte sich die Rente nach und nach auf 372,- DM. In Verbindung mit einer Firmenunterstützung von nunmehr 97,80 DM und einer im Oktober 1956 erstmals gezahlten Kriegsschadensrente (nach dem Lastenausgleichsgesetz) von zuletzt 215,40 DM für das durch die Währungsreform eingebüßte Sparvermögen betrug das Familieneinkommen Anfang 1968 insgesamt 695,20 DM. Nach den vorangegangenen weit knapperen Jahren, vor allem bis Herbst 1956, erschien das schon viel.
Im ersten Jahrzehnt des Ruhestandes war Willi Beyer noch recht aktiv, vor allem für die Feuerwehr Zollhaus, die 1954 eine leistungsfähigere Motorspritze erhielt und im Jahr darauf ihr 50-jähriges Jubiläum feierte. Etwa vierzig Jahre davon, war er ihr Kommandant. Wie früher liebte er Verwandtenbesuche in Zollhaus, reiste selber aber kaum noch. Höhepunkte für ihn (wie für seine Frau) waren die Silberhochzeit in froher Runde im September 1949, der gleichzeitige Besuch des jüngeren Bruders Carl aus Columbus/Ohio/USA und der Schwester Clara Jaeger aus Neubrandenburg im September 1955 sowie die wiederholten Besuche seiner Neffen Erich und Helmut und deren Familien aus Caracas/Venezuela. 1956 erfolgte auf Drängen seiner Frau ein Ortsumzug in eine kleinere, vor allem aber wärmere und sonnigere Wohnung in der Sommerau. Im Frühjahr 1959 lernte er während einer Besuchswoche die Verlobte seines Sohnes kennen und schloss sie gleich ins Herz; im Oktober reiste er mit seiner Frau zur Hochzeit nach Göppingen und im Mai 1961 zur Taufe des ersten Enkelkindes nach Kassel. Ein letzter Höhepunkt für ihn war sein 80. Geburtstag mit mancher Würdigung, einem Fackelzug der Feuerwehr und der Meldung aus Göttingen über die auf den Tag genau pünktliche Geburt des Enkels Dietmar. Dann ließen die Kräfte allmählich nach, etwa ab 1964 verließ er das Bett nur noch für einige Stunden täglich, ab Anfang 1966 war er weitgehend bettlägerig. Aufopfernd und liebevoll gepflegt von seiner Frau, war er ein geduldiger und dankbarer Patient. Im August 1967 zwang ein Schenkelhalsbruch zum Krankenhausaufenthalt in Katzenelnbogen und zur Suche eines Pflegeplatzes, der sich schließlich im Altersheim des Diakonischen Werkes von Braunfels (Lahn) fand. Dort eher als Sterbe- denn als Pflegefall eingestuft und nur minimal und lieblos versorgt, erlosch sein Leben im Januar 1968. Seine Urne ist im Familiengrab auf dem Friedhof Hahnstätten beigesetzt (gekauft bis vorläufig 2033).
Willi Beyer war eine schlichte Natur mit bescheidener Bildung und ohne besondere geistige oder musische Interessen. Er las die Lokalzeitung und Verbandszeitschriften, selten ein Buch. Obwohl gelernter Kaufmann und "angelernter" Unternehmer, war er weder das eine noch das andere.
Von Statur mittelgroß und untersetzt, wurde er nach Heimkehr aus dem Krieg dank ererbter Veranlagung und seiner Vorliebe für reichliche, deftige Hausmannskost zunehmend korpulent, nahm aber noch in den 30er Jahren gern an Wanderungen teil. Persönlich anspruchslos, schätzte er die Geselligkeit in Familie und kleiner oder größerer Runde, sprach fleißig dem guten Apfelwein des Bahnhofswirts zu und zeigte - seinen begrenzten Mitteln zum Trotz - gern die vom Vorsitzenden oder Kommandanten erwartete Freigebigkeit.
Seine Stärken lagen in Charakter und Gesinnung. In seinem Wesen offen, geradeheraus, warmherzig, gutmütig und immer hilfsbereit, zu Gemeinsinn, Rechtlichkeit und Pflichtbewusstein erzogen und nicht ohne Selbstbewusstsein, wirkte er vertrauenswürdig, uneigennützig und verlässlich. Er war kein religiöser Mensch und besuchte den Gottesdienst nur an hohen Feiertagen, stand aber traditionell zur Kirche als gesellschaftlich notwendiger und ehrwürdiger, zumal der Familiengeschichte vielfältig verbundener Einrichtung, und sein Ethos war, ihm vielleicht unbewusst, nicht zuletzt christlich-protestantisch geprägt. Der stete Einsatz für die Gemeinschaft in Dorf, Hilfsorganisationen und Vereinen war ihm ein Bedürfnis, gab ihm aber auch innere Befriedigung. In steter Treue seiner Frau und Familie, seinen Freunden, seiner engeren Heimat und dem Vaterland verbunden, blieb er nicht zuletzt sich selbst treu. Sein selbstloses gemeinnütziges Wirken über Jahrzehnte brachte ihm - über Zollhaus und Hahnstätten hinaus - Ansehen und Hochachtung ein, die selbst vom sozialen Abstieg (Verlust der Fabrik) und von der erzwungenen Passivität des Alters kaum gemindert wurden.

(nach den Aufzeichnungen seines Sohnes Albrecht Beyer)



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